Freitag, 24. November 2017

Lean Production – unverzichtbar!

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Die Produktion effizienter und kostengünstiger zu gestalten, ist heute für die meisten Zeitungsdruckereien – ob sie nun eigenständig oder einem Verlag angegliedert sind – keine bloße Option, sondern schlicht eine Notwendigkeit, um wirtschaftlich lebensfähig und konkurrenzfähig zu bleiben. Author: Charlotte Janischewski, WAN-IFRA

Abspecken heißt die Devise. Das Konzept der schlanken Produktion (Lean Production) beruht auf dem Gedanken, dass alles, was überflüssig ist und die Effizienz mindert, vermieden werden muss. Dabei darf kein Bereich ausgespart werden: Betrachtet werden sämtliche in die Produktion einfließenden Ressourcen (einschließlich der Arbeitskräfte), die Lagerbestände, etwaige Überkapazitäten, ungenutzte Zeit, umständliche Abläufe und Verschwendung aller Art.

Die Idee der Verschlankung passt wunderbar zu Krisenzeiten, in denen der Rotschrift regiert. Dennoch beruht das Prinzip nicht ausschließlich auf Kürzungen und Streichungen; auch Faktoren wie Produktqualität, Flexibilität, technische Ausstattung sowie der menschliche Faktor werden bei diesem Konzept nicht außer Acht gelassen. Der Akzent liegt also weniger auf Minimierung als vielmehr auf Optimierung.

Aller Anfang ist leicht
Wer die eigene Produktion anhand der Prinzipien der Lean Production einmal unter die Lupe nimmt, dem werden vermutlich viele Ansatzpunkte für Verbesserungen auffallen, die allein durch bessere Planung oder organisatorische Maßnahmen – ganz ohne große Investitionen – umsetzbar sind. US-Consultant Rick Ruffino empfielt ein systematisches Vorgehen: „Lean Production beginnt mit einer Abbildung des Gesamtprozesses (Mapping) mit dem Ziel, jeden auch noch so kleinen Produktionsschritt  zu erfassen. Diese ‚Lean-Map' solllte den Prozess von der Content-Erzeugung über die Produktion bis hin zur Auslieferung an den Kunden abdecken. Verbesserungspotenziale treten dabei von selbst zutage, wenn man sich die Mühe gemacht hat, den bestehenden Prozess grafisch zu veranschaulichen."

Vielleicht stellt sich bei einer solchen Analyse heraus, dass der Mitarbeiter, der die Belichter mit Platten befüllt und für das Nachfüllen der Chemikalien zuständig ist, damit nicht ausgelastet ist und zeitweise beim Plattenwechsel oder bei der Rollenvorbereitung helfen könnte. Bei der Druckerei von Independent News & Media in Newry, Irland, ist das selbstverständliche Praxis. Dem Produktionsleiter dort war es von Anfang an sehr wichtig, Mitarbeiter mit der richtigen Einstellung zu finden, die sich als Mitglieder des Produktionsteams begreifen und bereit sind, viele verschiedene Aufgaben zu übernehmen.

Die beste Ausgangslage für eine konsequente Ausrichtung auf schlanke Produktion bietet sich, wenn ein Unternehmen in der glücklichen Lage ist, eine Druckerei von Grund auf neu planen zu können, wie es bei der Imprimerie Rossel in Belgien der Fall war. Der neue Standort ersetzt drei frühere Druckereien und erzielt mit verringertem Personalbedarf einen um mindestens 30 % höheren Ausstoß. Neben hochautomatisierten technischen Anlagen wurden hier auch grundsätzliche Lean Production-Ideen umgesetzt wie zum Beispiel das Just-in-Time-Prinzip.

Weniger Personal durch Automatisierung
Immer wenn Investitionen in größerem Umfang anstehen, wird man sich grundsätzlich Gedanken über die Möglichkeiten der Automatisierung machen, die deutliche Effizienzsteigerungen und schlussendlich einen reduzierten Personaleinsatz ermöglichen soll. „Die Entscheidung für die Investition in Automation ist für die Verantwortlichen bei den Zeitungshäusern vor allem an die Bedingung geknüpft, dass damit nachhaltige Kostenvorteile geschaffen werden", sagt Moritz Schwarz, der im Rahmen seiner Consulting-Tätigkeit für WAN-IFRA Zeitungsdruckereien in aller Welt besucht.

Häufig wird bei Ersatzinvestitionen allein schon durch neue, produktivere Rotationen eine Maschine weniger gebraucht als vorher, wodurch sich der Personalbedarf automatisch reduziert. Je nach Produktionssituation kann der automatische Plattenwechsel, eventuell in Kombination mit einer Plattenlogistik bis zur Druckmaschine – wie es zum Beispiel beim Druckhaus der Freien Presse in Chemnitz der Fall ist  –, einen deutlichen Zeitgewinn bedeuten und manuelle Prozesse minimieren.

Eine nachhaltig positive Wirkung auf die Produktivität und die Druckqualität sowie auf die Makulaturentwicklung ist vom (gegebenenfalls nachträglichen) Einbau von Reinigungs- oder Closed-Loop-Regelungssystemen zu erwarten. Für eine Kombination aus Bahnreinigungs- und Gummituch-Waschsystemen für ihre neue Rotation (Installation 2009) entschied sich die Zeitungsdruckerei NDC Grafisch Bedrijf in den Niederlanden. Deren Geschäftsführer Koos Tamminga erklärt: „Um Probleme mit Papierstaub zu vermeiden, mussten wir die Gummitücher alle acht Stunden waschen. Heute (seit die Reinigungssysteme installiert sind) werden die Gummitücher zweimal pro Woche gewaschen." Tamminga geht davon aus, dass sich die Anlagen innerhalb von ca. drei Jahren bezahlt gemacht haben werden.

Die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Automatisierung – nach der Realisierung des automatischen Plattenwechsels – betreffen einerseits die Plattenlogistik, welche eine direkte Verbindung zwischen Plattenherstellung und Druckmaschine schafft (bei mindestens drei Herstellern im Programm), und andererseits die Closed-Loop-Farbdichteregelung, für die inzwischen Lösungen von Herstellern in Japan, Europa und den USA angeboten werden. Noch höhere Ziele verfolgt manroland mit seiner "One Touch"-Vision, die für vollautomatisierte Produktionsabläufe und Einmann-Bedienung steht. Eine Feuchtmittelregelung soll, in Verbindung mit den gängigen Regelsystemen für Register, Schnitt und Farbe, manuelle Eingriffe bei Produktionsänderungen überflüssig machen.

Workflow-Optimierung wird immer wichtiger
Workflow-Integration hat viel mit schlanker Produktion zu tun – mit effizienten Abläufen, der Vermeidung von Fehlern, mit Ressourcen-Schonung und Prozessoptimierung. Die Einbindung der Produktionsanlagen in ein übergeordnetes Managementsystem, das eine durchgängige Produktionsplanung und -steuerung gewährleistet, kann von Nutzen sein, insbesondere dann, wenn außer dem Standard-Zeitungprodukt zahlreiche weitere Produkte wie Semicommercial-Aufträge zu planen und abzuwickeln sind. Natürlich sollte das Tool entsprechend flexibel und einfach zu bedienen sein, denn sonst ist der Effekt fraglich.

Im Druckzentrum der Presse-Druck- und Verlags-GmbH in Augsburg ist man bei der durchgängigen Prozess-Steuerung schon recht weit gekommen. „Wir haben festgestellt, dass wir viel Effizienz gewinnen können, wenn wir uns da neu definieren", sagt Eike Bühring, Technischer Leiter im Druckzentrum in Augsburg. In einem zentralen Produktionsplanungs- und -steuerungssystem werden die Druckprodukte von Anfang bis zu ihrer kompletten Fertigstellung durchgeplant. „Diese Aufgabe ist umso aufwendiger, je kleinteiliger beispielsweise die Beilagenstruktur ist", so Bühring. „Wir können auch über diese zentrale Plattform alle Reports generieren, die dann zeitnah allen Bereichen zur Verfügung stehen. Somit haben wir also auch das operative Controlling extrem schlank umgesetzt." Über die Plattform werden auch die Ressourcen (Zeiten, Maschinen und Personal) abgebildet. Die kaufmännische Seite der Produktion soll in einem nächsten Schritt integriert werden.

Gut geplant ist halb gewonnen
Mit der Schaffung von Infrastrukturen und der Festlegung von Abläufen werden die Grundlagen für viele Jahre gelegt. Der Planung sollte daher die größtmögliche Sorgfalt zukommen. Jacques Valembois hebt die Vorteile eines rationellen Produktionsworkflows hervor, die sich, wie er sagt, tagtäglich bemerkbar machen, über die Lebensdauer einer Investition hinweg. „Dies gilt natürlich auch für das Gegenteil", so Valembois. „Leider wird ein ungünstig gestalteter Produktionsfluss nur selten kostenmäßig beziffert, weil bestimmte Einschränkungen nie in Frage gestellt wurden." Kosten, die durch eine ungünstige Anordnung der Produktionsbereiche verursacht werden – vielleicht weil das vorhandene Gebäude Zwänge auferlegt – würden selten in Betracht gezogen. Häufig bezahle das Unternehmen jedoch auf die gesamte Einsatzdauer des Investitionsobjekts gerechnet, drei bis viermal so viel für versteckte Kosten aufgrund dieser ungünstigen Anordnung.

Das Sich-Loslösen von traditionellen Ansichten und üblichen Gepflogenheiten öffnet die Tür zu neuen Perspektiven und Optionen. Rick Ruffino sagt: „Die Zeitungsindustrie ist eine reife Branche, die sich an einem ‚allgemeingültigen' Produktionsmodell zu orientieren pflegt. Wir glauben zu wissen, worin unsere Herausforderungen bestehen. Leider schränkt dies unsere Fähigkeit ein, neue Lösungswege zu finden."

Anspruch und Wirklichkeit
Lean Production ist kein Programm, das man sich Punkt für Punkt vornehmen, umsetzen und abhaken könnte – auch wenn es natürlich bestimmte Kriterien für eine schlanke Produktion gibt. Es ist ein Konzept, dem man sich annähern kann, das aber den Grad der Pefektion wohl nur in der Theorie erreicht – weil Idealbedingungen kaum jemals gegeben sind und es praktisch immer und überall noch Optimierungs potenzial gibt.

Der Gipfel der Lean Production könnte die industrielle, nahezu vollautomatische Produktion sein, deren Einzelprozesse miteinander eng vernetzt sind, sich gegenseitig kontrollieren und durch Closed-Loop-Regelkreise bedarfsweise korrigieren. Ein bis ins Detail vorgeplanter Produktionsablauf, der mit einem Minimum an Mitarbeitern (für Überwachung und Notfall-Einsätze) auskommt, Produktionsanlagen, die just-in-time mit Verbrauchsmaterial gefüttert werden und deren Erzeugnisse ebenso just-in-time abtransportiert und ihrer Bestimmung zugeführt werden. Mit einem Wort: die (fast) bedienerlose Produktion. Zwei Gründe sprechen derzeit dagegen:

  • Was zum Beispiel in der Autoindustrie möglich ist – auf diese Branche geht auch das Konzept der schlanken Produktion zurück –, ist im Zeitungsdruck noch lange nicht möglich. Nicht, weil die Abläufe zu kompliziert und nur von Menschenhand beherrschbar wären, sondern weil das Offsetdruckverfahren an sich ein von vielen unwägbaren Faktoren beeinflusster und daher nicht zu 100% automatisch kontrollierbarer Prozess ist.
  • Die Zeitungsproduktion ist bereits hoch automatisiert und in allen Bereichen werden – zumindest in den entwickelten Ländern – weit weniger Mitarbeiter beschäftigt als noch vor 10 oder 20 Jahren. Doch nicht alles, was automatisierbar ist, ist heute auch in wirtschaftlich vertretbarer Weise zu realisieren. Der hohe Aufwand (für die Entwicklung auf der Herstellerseite) und die Kosten der Implementierung (für den Anwender) stehen in einem ungünstigen Verhältnis zur damit erzielbaren verhältnismäßig geringen Effizienzverbesserung (ca. 80:20).

Das Vornehmen, Lean Production in Perfektion umsetzen zu wollen, ist daher unrealistisch. Viele Zeitungsproduktionsbetriebe haben sich jedoch die Prinzipien zueigen gemacht und erzielen damit respektable oder sogar sehr beeindruckende Erfolge, die umso größer sind, je mehr man sich darauf besinnt, die Reduzierung auf das Wesentliche zum Leitgedanken zu machen.

Weitere Infos unter: http://www.nxtbook.fr/nxtbooks/ifra/2010_extra04_de/#/0

Quelle:
Logo_wan_ifra 


http://www.wan-ifra.org/de/

 

Author: Charlotte Janischewski

 

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